Georges Simenon – Der Mann, der den Zügen nachsah  

8 von 10 Punkten; Süddeutsche Zeitung Verlag; 223 Seiten; erschienen 1938, Sparte: Klassiker; Datum der Rezension: Sommer 2005

Inhalt:
Kees Popinga ist ein holländischer Prokurist, der bei einer Handelsfirma arbeitet. Er hat eine Frau und zwei Kinder und ein schönes Haus. Er ist ein Spiesser, wie er im Buche steht. Eines Abends erfährt er, dass sein Chef betrügerischen Konkurs gemacht hat und sich ins Ausland absetzen will. Da Popinga sein ganzes Geld in die Firma investiert hat, bricht seine ganze Welt auf einmal zusammen und er steht vor dem Nichts.
Damit beginnt sein Zusammenbruch, der den braven Prokuristen in ein Abenteuer stürzt, das ihm niemand zugetraut hätte. Es beginnt damit, dass er sich einfach in den Zug nach Amsterdam setzt und dort eine Frau besucht...

Meine Meinung:
Es gibt zwei Arten, eine Geschichte zu entwickeln, bei der ein Normalbürger «ausrastet»: Man kann ihn ein Blutbad anrichten lassen und damit die Leserschaft schockieren (und Hollywood macht dann einen Film draus) oder man kann ihn stilvoll und mit Humor untergehen lassen. Georges Simenon tut Letzteres, und das lässt das Buch zu einem echten Erlebnis werden. Man rätselt nämlich die ganze Zeit darüber, ob Popinga jetzt den Verstand verloren hat, oder ob er durch den Schock mit einem Schlag auf eine höhere Bewusstseinsebene gehoben wurde, die es ihm ermöglicht, das zu tun, was er eigentlich schon immer machen wollte. Zumindest Popinga fühlt sich befreit und glücklich wie nie zuvor. Sobald er von Zuhause fort ist, fängt er an, die Vergangenheit zu vergessen und nur noch im Augenblick zu leben. Er ist sich bewusst, dass er nichts mehr zu verlieren hat, und diese schreckliche Gewissheit erfüllt ihn nicht mit Zorn, sondern mit einer unglaublichen Ruhe. Dass er dann im Affekt trotzdem jemanden umbringt, ist der Anfang seines Untergangs – denn von diesem Moment an hat er keine Chance mehr, sich ein neues Leben aufzubauen. Aber auch in diesem Moment bleibt er ruhig und macht einfach weiter, Schritt für Schritt.
Als Leser verfolgt man seine unglaubliche Geschichte mit Bewunderung und Neugier. Und auch wenn sie eigentlich dramatisch ist, hat man zwischendurch immer etwas zu schmunzeln, ohne dass der Autor seine Figur lächerlich machen würde.
Ein wunderbares Buch, das ich sehr gerne gelesen habe und sicher nicht mein letztes (aber mein erstes) von Simenon.