8 von 10 Punkten; Reclam Verlag; 127 Seiten; erschienen 1804, Sparte: Drama; Datum der Rezension: 18. Januar 2006
Inhalt:
Wir schreiben das 13. Jahrhundert, der Schauplatz ist die (spätere) Innerschweiz. Das Volk fühlt sich von den ausländischen Machthabern unterdrückt und plant einen Aufstand. Der grösste Held in ihren Reihen - Wilhelm Tell - ist aber einer, der sich eigentlich aus der ganzen Geschichte raushalten und nur in Frieden leben will.
Meine Meinung:
Über Wilhelm Tell und Friedrich Schillers gleichnamiges Drama wurden schon ganze Bücher geschrieben. Trotzdem hier noch meine kleine Meinung dazu: Es ist wie mit allen alten Texten: Man muss sich erst einmal an die Sprache des Werkes gewöhnen, bevor man es geniessen kann. Wenn man diese Hürde erst einmal gemeistert hat, erwartet einen eine packende Geschichte, die allerdings nicht immer nach den heutigen Regeln der Spannungserzeugung erzählt wird. Etwa die Szene, in der Tell seinem Sohn den Apfel vom Kopf schiesst. Gessler zwingt Tell, das Manöver durchzuziehen, darauf entstehen Diskussionen. Gessler und Rudenz kriegen sich darüber in die Haare, wem Rudenz wohl Gehorsam schuldet, da heisst es plötzlich «Der Apfel ist gefallen! Der Knabe lebt!» Tells Schuss erlebt man nicht live und auch die Ängste, die er in diesem Moment ausstehen musste, werden erst später thematisiert. Das ist aus heutiger Sicht gewöhnungsbedürftig, aber nicht ohne Reiz.
Es war eine interessante Erfahrung, «Wilhelm Tell» zu lesen. Ich kannte die Geschichte vorher nur aus mündlicher Überlieferung und war erstaunt, was sich alles in dem schmalen Werk verbirgt. Schiller sparte wirklich nicht mit Action und hat mit Tell eine Figur kreiert, die sich gerade für die Schweiz zum Nationalhelden eignet: Bescheiden, ehrlich, anständig und nichts überstürzend. Er mordet schliesslich nicht aus so genannt «niederen Beweggründen», sondern um seine Familie zu schützen und wird eigentlich gegen seinen Willen gesetzesbrüchig.
Fazit dieser Kurzkritik: Lesen, es lohnt sich!