10 von 10 Punkten (als Teil der ganzen Trilogie); William Heinemann Verlag, London; 916 Seiten; erschienen 2004, Sparte: Historischer Roman; Rezension überarbeitet am 8. Oktober 2006
Teil 3: The System of the World
Inhalt:
«Quicksilver» spielt in den Jahren 1661 bis 1689 (und ein bisschen in 1713) und erzählt die Geschichte so unterschiedlicher Leute wie des Sklavenmädchens Eliza, des Vagabunden Jack oder des Forschers Daniel Waterhouse.
Jack, den die Syphilis plagt, und Eliza schlagen sich von Wien bis Holland durch. Auf ihrer Reise treffen sie auf den Mathematiker Gottfried Leibniz, der Eliza nicht nur das binäre Zahlensystem sondern auch jede Menge über Wirtschaft beibringt, was sie schliesslich erfolgreich in die niederländische Finanzwelt einsteigen lässt.
Daniel Waterhouse hingegen ist ein Studienkollege von Isaac Newton und später Mitglied der «Royal Society», wo er mit einem anderen Genie des 17. Jahrhunderts, Robert Hooke, allerlei naturwissenschaftliche Experimente durchführt. Dass Waterhouses Leben nicht unbedingt in geordneten Bahnen verläuft, verdankt er unter anderem seinem exzentrischen Vater Drake, der so lange an die Apokalypse im Jahr 1666 glaubt, bis er von König Charles II. mitsamt seinem Haus in die Luft gesprengt wird.
Meine Meinung:
Der letzte Satz der Inhaltswiedergabe deutet es an: Das Buch ist kein historischer Roman im üblichen Sinne, es ist eine Fiktion, die zwar die Lebensumstände 17. Jahrhunderts sehr exakt widergibt und vor historischen Personen nur so strotzt. Auch die biographischen Daten der realen Personen und die Ereignisse sind korrekt widergegeben, aber die fiktiven Charaktere erleben Abenteuer und machen Erfahrungen, die zwar denkbar, aber höchst unwahrscheinlich wären.
So beispielsweise Elizas Promotion vom Sklavenmädchen zur Adligen am Hofe Louis XIV. Eigentlich undenkbar, wenn man den Schilderungen des ansonsten sehr strengen Hofprotokolls glauben will. Allerdings wird einem die Beförderung so verkauft, dass man es dem Autoren gerne durchgehen lässt.
Kommen wir zu Daniel Waterhouse: Im Nachhinein habe ich das Gefühl, dass der in der Geschichte nur vorkommt, um dumm rumzustehen und das Leben von Hooke, Newton und dem Londoner Adel zu beobachten. Obwohl er eine Hauptperson ist, spielt er eigentlich keine Rolle.
Weiter mit Jack Shaftoe, dem Vagabunden, der Eliza rettet: Wohl mein Lieblingscharakter unter den vielen, die im Buch vorkommen. Er geniesst das Leben und hat sehr viel (Galgen-)Humor. Den muss man einfach gern haben!
Das Buch als ganzes weist doch einige Längen auf, was vor allem daran liegen mag, dass man als Leser noch keine Ahnung hat, wo die Reise hinführen soll. Die Erzählstränge wirken beliebig, wenn auch nicht uninteressant. Nach den ersten 900 Seiten (also Teil eins) hat man erst sowas wie den Einstieg in die Geschichte geschafft und ich könnte mir vorstellen, dass viele schon vorher aufgeben, weil sie keinen Sinn in der Story entdecken können.
Das wird dem Werk allerdings nicht gerecht, man muss es zu Ende lesen, um zu verstehen, weshalb uns Neal Stephenson zwei derart unterschiedliche Erzählstränge vorsetzt. Das wird nämlich erst in Teil drei (und in Teil zwei andeutungsweise) klar, wenn alles zusammenfliesst.
Die guten Seiten an «Quicksilver» selber sind die minutiösen Schilderungen der Lebensumstände im Westeuropa des 17. Jahrhunderts und sehr sehr viel Humor. Ich musste oft lachen bei der Lektüre und habe das Buch am Ende zwar mit einem «Endlich fertig!» aber auch mit einem gewissen Bedauern zugeschlagen.