Christian Stöcker – Nerd Attack!  

8 von 10 Punkten; Spiegel Buchverlag; 310 Seiten; erschienen 2011, Sparte: Sachbuch; Datum der Rezension: 19. März 2012

Inhalt:
Christian Stöcker (Jahrgang 1973) hat die Entstehung der digitalen Welt hautnah miterlebt: Als Jugendlicher hat er auf seinem Commodore64 gedaddelt, als Student lernte er E-Mail kennen, bevor es für die breite Masse ein Begriff wurde und Internetzugang hatte er an der Uni ebenfalls zu einem Zeitpunkt, an dem die meisten Leute noch keine Ahnung hatten, wozu dieses Internet überhaupt gut sein sollte. Heute ist er Ressorleiter Netzwelt bei Spiegel Online und mit dieser Biographie der ideale Mann, um ein Sachbuch über die digitale Welt zu schreiben.

Inhaltlich geht es dabei nicht nur um die Entstehung derselben, Stöcker ordnet die Entwicklungen auch ein, oft kommt er dabei auf die Situation in Deutschland zu sprechen. So ortet er einen digitalen Graben, der das Land spaltet. Dessen Grenze befindet sich zwischen den (meist jungen) digitalen Einheimischen und den (meist älteren) digitalen Immigranten und Ignoranten, die in Wirtschaft und Politik immer noch das Sagen haben. So werden auch dem Bundestrojaner oder den Versuchen seitens der Politik, Kinderpornographie-Seiten sperren zu lassen, Platz eingeräumt.

Meine Meinung:
Mit diesem Buch können gleich mehrere Gruppen bedient werden: Zum Ersten sind da die Nerds, denen Stöcker grundsätzlich nichts Neues erzählt, da sie die Entstehung der digitalen Welt miterlebt haben. Allerdings gibts wohl keine andere so schöne und mit interessanten Fakten und witzigen Anekdoten gespickte Zusammenfassung dessen, was bisher geschah. Zum Zweiten ist das Buch auch für Leute geeignet, die sich tatsächlich über die Geschichte der digitalen Welt informieren wollen. Für diese stehen alle wichtigen Fakten drin und auf Technikgeschwafel verzichtet Stöcker so weit möglich. Er macht es den Nicht-Nerds sogar ziemlich einfach, indem er grundlegende Dinge kurz erklärt und da und dort auch einprägsame Analogien findet. Zum Dritten könnte man das Buch auch den Menschen ans Herz legen, die sich beruflich mit der digitalen Welt befassen müssen, ansonsten aber froh und stolz in ihrer analogen Welt leben. Damit sind vor allem ältere Politiker und Rechteinhaber von Medien (Verleger, Filmstudiobosse, Chefs von Musiklabels) gemeint.

Letzteren fährt Stöcker mehr als einmal an den Karren, kritisiert mit scharfen Worten und bringt auch anschauliche Beispiele dafür, dass diese Herren (es sind meistens Männer) zwar keine Ahnung von der Materie haben, das aber mit Aktivismus zu kompensieren versuchen. Ob es jetzt um so genannte Killerspiele, Kinderpornographie oder Urheberrechte geht, Stöcker lässt vor allem Politiker bei jedem Thema noch älter aussehen, als sie tatsächlich sind, entkräftet ihre Argumente und führt einleuchtende Gegenargumente ins Feld. Auch wenn ich mit ihm grundsätzlich einer Meinung bin, habe ich mich beim Lesen schon ab und zu gefragt, ob er nicht ein wenig übertreibt und zu sehr schwarz/weiss malt. Andrerseits kann ich seine Schärfe gut verstehen, wenn ich die Nachrichten aus Deutschland zu Internetthemen verfolge. (In der Schweiz wird diese Suppe deutlich weniger heiss gegessen, drum fallen die Dilettanten auch wenig auf.)

Der Autor kritisiert und erzählt nicht nur, er erklärt ausserdem die Nerds, ihr Weltbild und wie es entstand. Es ist also nicht nur ein Buch über die digitale Welt, sondern auch über ihre Ureinwohner und Gestalter. Zu einigen der prominenten Leute, die in dem Buch vorkommen, gibt es auch Hintergrundinformationen, die ihr Handeln nachvollziehbar(er) machen. Als Beispiel sei hier WikiLeaks-Gründer Julian Assange angeführt, der für mich vorher ein seltsamer Kerl war, der immer traurig guckt und wahrscheinlich nicht ganz dicht ist. Gut, ganz dicht ist er wohl tatsächlich nicht, aber jetzt weiss ich wenigstens, wieso er tut, was er tut.

Fazit:
Mir hat die Mischung aus Fakten, Anekdoten und Kommentaren seitens des Autors gut gefallen. «Nerd Attack!» ist ein kurzweiliges, fundiertes Sachbuch, das definitiv nicht nur Nerds lesen sollten.