Dora Stettler – Im Stillen klagte ich die Welt an  

6 von 10 Punkten; Limmat Verlag; 168 Seiten; erschienen 2004, Sparte: Erfahrungsbericht/Biographie; Datum der Rezension: 2004

Inhalt:
Im Sommer 1934 kommen die beiden Schwestern Katharina und Elsbeth als Pflegekinder auf einen Bauernhof im Berner Oberland. Dort werden sie geschlagen und müssen harte Arbeiten verrichten. Als die Misshandlungen auskommen, werden sie umplatziert, zu einer Familie ins Emmental. Am neuen Ort geht es ihnen aber auch nicht besser. Nach vier langen, qualvollen Jahren werden sie endlich erlöst und dürfen wieder nach Hause.

Meine Meinung:
Dora Stettlers Buch ist erschreckend. Was ihr und ihrer Schwester widerfahren ist, kann man teilweise kaum glauben. Und es macht einen betroffen, dass diese beiden kein Einzelfall sind, sondern dass es wohl tausenden so genannten Verdingkindern ganz ähnlich ging.
Dora Stettler war gerade mal sieben Jahre alt, als ihre Mutter sie weg gab. Am neuen Ort mussten sie und ihre ein Jahr ältere Schwester Schwerstarbeit verrichten: Beim Heuen helfen, den ganzen Abwasch erledigen, einmal in der Woche das ganze Haus putzen. Und wenn einmal eine Kleinigkeit schief ging oder sie ein Widerwort gaben, wurden sie geschlagen. Und auch nach der Umplatzierung ins Emmental ging es nicht besser: Während die Familie Fleisch und Wurst ass, bekamen die beiden Mädchen den ungeniessbaren Abfall vorgesetzt. Wer den Teller nicht leer ass, wurde verprügelt. Da die Mädchen das Heruntergewürgte oft wieder erbrachen, dürften sie sich in einem Zustand der konstanten Unterernährung befunden haben. Und trotzdem mussten sie jeden Tag kilometerweite Botengänge erledigen und schwere Dinge schleppen.
Ich tat mich anfangs schwer damit, das Buch einzuordnen. Ich habe es an einem Tag gelesen, da ich unbedingt wissen wollte, ob die beiden auch mal etwas Schönes erleben. Diese Szenen waren leider viel zu selten. Und auch wenn ich jetzt nur sechs Punkte dafür gebe (vor allem, weil es sehr schulaufsatzsmässig geschrieben ist) und es ein trauriges Buch ist, empfehle ich es doch unbedingt. Es zeigt ein Stück dunkler Schweizer Vergangenheit, mit dem man sich auseinandersetzen oder das man zumindest nicht ignorieren sollte. Denn wie im Nachwort von Jacqueline Fehr steht, sind wir es den damaligen Pflegekindern, von denen einige heute noch leben, schuldig, ihre schwere Vergangenheit aufzuarbeiten. Dem kann ich mich nur anschliessen.