Jonathan Swift – Gullivers Reisen  

6 von 10 Punkten; 324 Seiten; erschienen 1726, Sparte: Klassiker; Datum der Rezension: 15. Mai 2011

Inhalt:
Lemuel Gulliver ist ausgebildeter Wundarzt und fährt auf Handelsschiffen um die Welt. Auf vier seiner Reisen verschlägt es ihn in Länder, die noch kein Europäer vor ihm gesehen hat. Das bekannteste dieser Länder dürfte Lilliput sein, in dem die Menschen nur rund 15 Zentimeter gross werden und die Gulliver entsprechend als Riesen einschätzen.
Gerade umgekehrt geht es ihm in Brobdingnag, wo die Menschen riesig sind und er sich so klein vorkommt, wie es die Lilliputaner bei seinem Anblick empfunden.
Die dritte Reise führt ihn auf die fliegende Insel Laputa, wo die Menschen normal gross und sehr gebildet sind, aber über wenig Solzialkompetenz verfügen und sich den ganzen Tag mit Mathematik und Musik beschäftigen.
Auf seiner letzten Reise landet Gulliver im Land der Houyhnhnms, einer intelligenten und äusserst kultivierten Pferderasse, die sich affenartige Yähus als Arbeitstiere halten.

Meine Meinung:
«Gullivers Reisen» wird gerne als Satire auf das damalige Grossbritannien angepriesen. Nun kenne ich mich mit dem Grossbritannien der damaligen Zeit so halbwegs aus, musste aber feststellen, dass die meisten Anspielungen unbemerkt an mir vorübergingen. Also wieder mal ein Buch, dessen ganze inhaltliche Pracht sich erst mit Hilfe von Sekundärliteratur erschliesst, was ich wenig erfreut zur Kenntnis nehme. Also muss ich mich mit dem begnügen, was aus dem Stand zu verstehen ist. Und da begreife ich nicht, wieso dieses Buch eine Satire auf ein bestimmtes Land zu einer bestimmten Zeit sein sollte. Es kam mir eher wie ein satirischer Blick auf die Schwächen der (höhergestellten) Menschen vor, gültig zu allen Zeiten und anwendbar auf Regierungen und Firmenführungsetagen gleichermassen.

Unter dem Aspekt ists nicht schlecht und für Swifts Zeit vielleicht sogar revolutionär, aber ich schwankte beim Lesen immer ein wenig zwischen Verwunderung und Ärger. Da macht sich Swift einerseits über die Experimente der Wissenschaftler lustig, andrerseits ist er sich aber nicht zu schade, die Wissenschaft zu zitieren. So haben die Laputier laut Swift zwei Monde des Mars entdeckt. Ob es diese wirklich gibt, konnte Swift nicht wissen – sie wurden im realen Leben erst 1877 entdeckt. Der Astronom Johannes Kepler (er lebte vor Swifts Zeit) hatte allerdings Vermutungen darüber angestellt, dass es die Monde geben müsse und daher hatte Swift wohl die Inspiration.

Aber eben, auf der anderen Seite machte er sich über die Wissenschaftler seiner Zeit lustig und zwar in einer Art, in der sie es nicht verdient hatten. Auch wenn Swift das anders gesehn haben mag. Er hat die Bedeutung der damaligen Errungenschaften wohl falsch eingeschätzt. Die Frage ist, ob er es besser hätte wissen können oder ob er einfach über alles gespottet hat, was er nicht verstand.

Swift hat mit seiner Kritik grundsätzlich schon recht und viele Schwachpunkte, die er in dem Buch aufzeigt, sind Dinge, über die ich mich auch schon geärgert habe. Allerdings spottet er nur über die Defizite von Führungspersonen, er hinterfragt sie nicht und zeigt auch keinen Weg auf, wie es besser sein könnte. Versteckte Appelle an die Vernunft war das einzige, das ich in dieser Richtung entdecken konnte. Auch nicht grade viel. Swift kommt mir vor wie ein Hofnarr, der zwar lästert und spottet, aber selber keine besseren Ideen hat.

Auch unter dem Unterhaltungsaspekt ist das Buch eher ein lauwarmes Gebräu. Die Welten, in die Gulliver gerät, sind zwar sehr fantasievoll und die Beschreibungen sind recht unterhaltsam. Aber irgendwie hatte ich das Gefühl, viermal dieselbe Geschichte zu lesen: Gulliver gerät unter fremdes Volk, hat eine erste unangenehme Begegnung mit den Einheimischen, ordnet sich unter, lernt die Sprache und die Kultur kennen und haut Jahre später unter Tränen wieder ab. Kein Wunder, ist das Werk heute auch als Kinderbuch sehr beliebt, so einfach, wie es gestrickt ist.

Fazit:
Im letzten Kapitel steht, an den Leser gerichtet, «Mein Hauptzweck war nämlich, dich zu belehren, aber durchaus nicht, dich zu unterhalten.» Nun ja, er hat das zweite trotz gegenteiliger Absicht besser hinbekommen als das erste. Aber beides nicht so richtig gut. Trotzdem: Langweilig war das Buch eher selten, daher die etwas wohlwollende Bewertung.