6 von 10 Punkten; 344 Seiten; erschienen 2010, Sparte: Historischer Roman; Datum der Rezension: 7. Mai 2011
Inhalt:
Hamburg, Ende des 19. Jahrhunderts. Der Apotheker Raoul Paquin wird Opfer eines Giftmordes und der Verdacht fällt auf seine junge Witwe Louise, die den älteren Mann nicht aus Liebe sondern aus Mangel an Alternativen geheiratet hatte. Louise wird verhaftet und erhält bals Unterstützung von der Botschaftertochter und Frauenrechtlerin Amy Harrington, die keine Sekunde an Louises Schuld glaubt. Sie hat viel mehr Paquins Privatsekretär Frederick Hansen im Verdacht, der in Louise verliebt ist und sich an sie ranmacht, bevor die Leiche des Apothekers kalt ist.
Meine Meinung:
Der Roman ist eine ungewöhnliche Mischung aus historischem Roman und Krimi. Ungewöhnlich ist nicht die Kombination der Genres, sondern wie die Geschichte erzählt wird. Louise Paquin steht immer im Fokus, auch bei der Aufklärung des Verbrechens. Und das, obwohl Polizisten und Gerichte in die Wahrheitsfindung involviert sind. Es gibt zwar viel zu beweisen und zu beurteilen in dem Buch, aber die kriminalistische Arbeit nimmt kaum Raum in dem Buch ein und von einer Gerichtsverhandlung erfahren wir nur das Resultat, ohne dabei gewesen zu sein – was wohl daran liegt, dass Louise bei der Verhandlung auch nicht zugegegen war.
Viel mehr Platz erhält das Thema Frauenrechte respektive der Mangel an selbigen. Um die Situation der Frau in dieser Zeit exemplarisch aufzuzeigen muss Louise mit ihren Eigenschaften als junge, naive Frau herhalten. Den Gegenpart macht Amy Harrington, die eine richtige Männerhasserin ist, sich selber aber gerne einredet, sie würde ihren Kampf nur den unterdrückten Frauen zuliebe führen. Sie ist unerschrocken, unkonventionell, gebildet und mutig. Andrerseits ist sie auch eine Fanatikerin, die öfter übertreibt. So verdächtigt sie Louise, nur mit dem Hansen zusammen zu sein, weil ihr nichts Besseres einfällt. Liebe scheint sie nicht für möglich zu halten. Das fand ich genauso nervig wie Frauen, die heute noch Pickel bekommen, wenn in einem Dokument nur die männliche Form statt beiden oder die (noch viel unmöglichere) Partizip-Form («Mitarbeitende»... *kotz*) verwendet wird. Aber gut, wenigstens gab und gibt es solche Frauen, Amy Harrington ist der Autorin also durchaus lebensecht gelungen.
Bei den anderen Charakteren hat die Autorin nicht ganz so viel Leben reingebracht. Während Louise als Hauptfigur auch noch ordentlich Leben in sich hat, sieht es bei den Nebenfiguren eher düster aus. Sie bleiben alle ein wenig blass, obwohl bei jedem interessante Ansätze zu sehen sind. Das Buch scheint zu wenig Seiten für Krimi, Frauenrechte und gelungene Porträts zu haben und trotzdem fühlte ich ein paar Längen. Das hat vielleicht damit zu tun, dass ich die Handlung sehr vorhersehbar fand und es die Autorin in keinem Fall geschafft hat, mich mit üblen Wendungen zu erschrecken. Ich war zu sehr davon überzeugt, dass es zu keiner Tragödie kommen würde...
Insgesamt wusste ich nie so recht, woran ich mit dem Buch bin. Der Mix zwischen Krimi und historischer Gesellschaftsstudie war mir ein wenig zu wild, die Krimi-Elemente wirkten auf mich immer wie Fremdkörper, zumal die Autorin da auch öfter im Ungefähren blieb (Stichwort fehlende Gerichtsverhandlung) und diese Einsprengsel fast gestört haben, obwohl sie eigentlich interessant gewesen wären. Man hätte das Buch ruhig um 50 Seiten Kriminalistik erweitern können, das hätte einen runderen Eindruck gegeben.
Fazit:
Ein interessantes Buch, das sich leicht lesen lässt und unterhält, aber wahrscheinlich nichts, das sehr lange in Erinnerung bleibt.