Dan Simmons – Drood  

9 von 10 Punkten; Heyne Verlag; 959 Seiten; erschienen 2009, Sparte: Krimi/Historischer Roman; Datum der Rezension: 14. Dezember 2010

Inhalt:
Am 9. Juni 1865 erlebt der Autor Charles Dickens in Staplehurst ein Zugunglück hautnah mit. Als einer der unverletzt Überlebenden kümmert er sich auf der Unglücksstelle um die anderen Opfer. Dabei fällt ihm ein seltsam gekleideter Mann auf, der sich als Drood vorstellt.

Dickens scheint nach dem Unfall wie besessen von diesem Drood, der offenbar in der Londoner Unterwelt haust. Dorthin zieht es Dickens immer wieder, heimlich beobachtet von seinem Freund Wilkie Collins und Inspector Field, der Drood schon seit Jahren jagt.

Meine Meinung:
Das Buch wird aus der Sicht von Wilkie Collins erzählt, der selber ein erfolgreicher Autor und ein Freund Charles Dickens' war. Die beiden Hauptfiguren sind sehr unterschiedlich. Während Dickens ein unbekümmerter und äusserst fitter Mann ist, der sein Leben sehr geniesst, ist Collins eher grüblerisch, manchmal trübsinnig, bewegungsfaul (dafür dem guten Essen sehr zugeneigt) und aufgrund seiner Gicht schwerst drogenabhängig. Ob Laudanum, Opium oder Morphium, Collins ist keine Methode fremd, wenn es um das Betäuben von Schmerzen geht. Diese Unterschiede belasten die Beziehung zwischen den Autoren nicht, trotzdem gehen die Wege der beiden während des Romans immer weiter auseinander.

Das liegt zum einen daran, dass Dickens dem Phantom Drood hinterherjagt, was Collins für gefährlich hält. Deshalb ist er erleichtert, als er in Inspector Field einen Mann findet, der vieles über Drood weiss und ihn zur Strecke bringen will. Entsprechend hilft er ihm gerne bei der Jagd, auch wenn das bedeutet, dass er seinen Freund Dickens ausspionieren muss.
Was das Verhältnis zwischen den beiden weiter vergiftet, ist die ständige Kritik Dickens' an Collins' Werken. Collins ist klar, dass Dickens der bessere Autor ist als er, trotzdem tragen die immer wieder eingebrachten Verbesserungsvorschläge des grossen Dickens nicht grade dazu bei, seine Stimmung zu heben.

Dieses Auseinanderleben der beiden Freunde ist nur ein Motiv im Roman. Es gibt unzählige weitere kleine Geschichten und Aspekte, die sich teilweise wie ein Krimi lesen, dann wieder wie eine Sozialstudie oder auch wie ein Horrorroman. Was Dan Simmons da auftischt, ist ziemlich opulent und im Kleinen wie im Grossen raffiniert konstruiert. In dem Zusammenhang ist es besonders lustig, dass Dickens und Collins immer wieder über die Konstruktion von Romanen bis hin zu unerwarteten Enden für den Leser diskutieren, während Simmons genau all das serviert. Allerdings müsste man den Roman gleich ein zweites Mal lesen, um zu überprüfen, ob die von Simmons offerierte Auflösung wirklich wasserdicht ist oder ob es bei einem der zahlreichen Details Logikfehler gibt, die den Leser auf eine falsche Fährte locken (müssen).

Dass der Mann ein begnadeter Geschichtenerzähler ist, hat er mir mit seinen Romanen «Terror» und «Die Hyperion-Gesänge» (die mir vom Aufbau her allerdings überhaupt nicht gefielen) bereits bewiesen. Mit «Drood» hat er ein Meisterwerk abgeliefert, an dem ich sehr wenig auszusetzen habe. Gewöhnungsbedürftig fand ich die Zeitsprünge. Ich-Erzähler Collins verzichtet auf chronologisches Erzählen und greift dem Stand des Lesers mal vor oder blickt zurück und es ist nicht immer klar, wo wir uns gerade befinden. Trotzdem konnte ich der Geschichte folgen, ohne allzu verwirrt zu sein. Aber man muss als Leser bereit sein, sich darauf einzulassen und ich könnte es gut verstehen, wenn diese nicht immer angekündigten Sprünge anderen auf die Nerven gehen.

Fazit:
Toll erzählt, clever konstruiert und kaum Längen. Wären doch nur alle Bücher so.