Bram Stoker – Dracula  

6 von 10 Punkten; Insel Verlag; 541 Seiten; erschienen 1897, Sparte: Klassiker; Datum der Rezension: 4. Februar 2011

Inhalt:
Der Anwalt Jonathan Harker soll die Übersiedelung des Grafen Dracula nach London vorbereiten. Deshalb reist er nach Transsylvanien (wo der Graf wohnt), um mit ihm die Details zu besprechen. Auf Schloss Dracula angekommen, merkt Harker, dass hier ein paar Dinge nicht stimmen. Der Graf wird ihm immer unheimlicher, und obwohl Dracula stets höflich bleibt, merkt Harker, dass er im Schloss ein Gefangener ist.
Währenddessen ist Graf Dracula mit seinen Umzugsvorbereitungen fertig und er tritt die Reise nach England an, wo bald merkwürdige Dinge mit sonst gesunden Leuten passieren.

Meine Meinung:
«Dracula» ist ein richtig schöner, unterhaltsamer Schmöker, der heute wohl als Mystery-Thriller verkauft würde. Das Buch ist ähnlich aufgebaut wie moderne Thriller, nur leider hat Bram Stoker auch ein paar den (immer noch gängigen) schlechten Stilmittel des Genres vorweggenommen.
So wird der Leser künstlich dumm gehalten, indem beispielsweise Professor Abraham Van Helsing eifrig Forschungen anstellt, die Resultate aber für sich behält. Oder es heisst in Dialogen öfter mal «Du weisst, was das bedeutet, aber es ist noch zu früh, jemandem etwas davon zu sagen.» Sonst bringe man sich und andere unnötig in Gefahr... Nun ja, als Leserin hätte ich mich schon sicher genug gefühlt, ein paar Dinge früher zu erfahren.

Auch den unfehlbaren Superhelden gibt es schon, es ist der oben erwähnte Van Helsing. Er scheint alles über Vampire und wie man sie bekämpft zu wissen, allerdings wird im gesamten Roman kein einziges Mal erklärt, woher sein Wissen stammt. Und obwohl die anderen Protagonisten vorher noch nicht einmal wussten, dass es Vampire überhaupt gibt, folgen Sie doch brav den Anweisungen Van Helsings, ohne ihn einmal zu fragen, woher er sein Wissen hat. Das wäre dann eines der obligaten Logiklöcher, die sich in fast jedem Thriller finden.

Es gibt allerdings auch Elemente, in denen sich «Dracula» stark von moderneren Büchern unterscheidet. So hat es noch nicht für mehrere Handlungsstränge gereicht, aber die Geschichte wird ausschliesslich über Tagebucheinträge und andere Aufzeichnungen der Protagonisten erzählt, was die Sache ein wenig aufdröselt. Gar nicht mehr zeitgemäss ist das Frauenbild, das in dem Buch vermittelt wird. Normalerweise nervt es mich nicht, wenn die Frauen in alten Romanen als zarte Geschöpfe dargestellt werden, die weniger gut denken können als Männer. So war halt früher die Lehrmeinung. Aber Stoker übertreibt es, sogar für seine Zeit und gegen Ende des Buches wird es immer schlimmer. Da gibt es kaum mehr eine Seite, auf der nicht auf das zarte, schwache Wesen der Frau hingewiesen wird. Zusammen mit dem ebenso häufig eingestreuten Satz «Jetzt sind wir alle in Gottes Hand» hat das schon gewaltiges Nervpotenzial.

Trotzdem ist «Dracula» ein spannendes, unterhaltsames Buch, dem man das Alter zwar schon anmerkt, aber es ist leicht zugänglich und lässt sich entsprechend flott lesen. Längen fand ich keine, aber das Erzähltempo ist schon ein wenig gemächlicher als man sich das von aktuellen Thrillern gewöhnt ist. Es war sehr interessant, den geistigen Grossvater aller Vampirromane und -filme zu lesen. Auch wenn Bram Stoker die Vampire nicht selber erfunden hat, so ist sein Roman bis heute prägend für die Vorstellung, wie ein Vampir zu sein hat.

Fazit:
Faszinierend, aber nicht überragend.