Neal Stephenson – Cryptonomicon  

9 von 10 Punkten; Manhattan Verlag; 1171 Seiten; erschienen 2001, Sparte: Thriller; Datum der Rezension: 15. November 2006

Inhalt:
«Cryptonomicon» inhaltlich zusammenzufassen ist einigermassen schwierig. Sagen wirs mal so: Es gibt zwei Handlungsstränge, die einiges gemeinsam haben. Es geht um Datenverschlüsselung im Zweiten Weltkrieg (für die unter anderen Lawrence Pritchard Waterhouse zuständig ist) und um Datenverschlüsselung um die Jahrtausendwende (mit der wiederum Randy Waterhouse, Enkel von Lawrence zu tun hat). Da diese beiden Protagonisten mehr oder weniger vom Schreibtisch aus arbeiten und es in einem Thriller Action braucht, mischen noch die Shaftoes mit. Im Zweiten Weltkrieg ist das Sergeant Bobby Shaftoe, der in einer geheimen Elite-Einheit alles mögliche tut, um dem Feind - also den Deutschen und den Japanern - zu schaden. Im zweiten Handlungsstrang ist das Bobbys Sohn Douglas Shaftoe, der auf den Philippinen eine Firma unterhält, die auf dem Meeresgrund nach versunkenen Schätzen sucht. Überhaupt: Gold ist für die Geschichte auch wichtig. Es gibt Gerüchte, dass die Japaner in WK II auf der Philippinen-Insel einen riesigen Goldschatz vergraben haben. Der spielt in beiden Handlungssträngen eine Rolle, aber da verrate ich nicht mehr.

Meine Meinung:
«Cryptonomicon» - das ist über 1000 Seiten Unterhaltung im besten Sinne. Egal, ob der Leser gerade Bobby Shaftoe in Nordafrika oder Randy Waterhouse in einer Vorstandssitzung seiner Epiphyte(2) Corp. begleitet: Es ist auf keiner Seite langweilig. Neal Stephenson serviert den umfassenden Plot mit viel Humor und Ironie. Und wenn mal Action angesagt ist, sind seine Helden nicht einfach strahlende Übermenschen, sondern Leute, die auch mal Angst haben und Dinge teilweise nur aus reinem Überlebenswillen tun. Überhaupt sind die Charaktere sehr schön ausgearbeitet, mit Stärken und Schwächen wie im richtigen Leben. Das macht sie symphatisch und ihre Handlungen nachvollziehbar.
Schwächen gibt es praktisch keine. Es hätte mich einzig interessiert, wie es mit dem Datenhafen, den Randy und seine Geschäftspartner errichten wollen, weitergeht. Da ist Stephenson meiner Meinung eine Antwort schuldig geblieben.
Es fällt mir schwer, in dieser Rezension auszudrücken, weshalb ich «Cryptonomicon» so gut finde. Floskeln wie «ein Buch zum Versinken» treffen für einmal in einer Weise zu, wie es ganz selten passiert. Es ist ein Buch, dass einen «noch lange nachdem man es gelesen hat beschäftigt», um eine weitere Floskel zu bemühen, die so abgedroschen klingt und in diesem Fall doch so wahr ist. Empfehlen würde ich dieses Buch nur Menschen, die eine Geschichte vor allem um der Geschichte willen lesen und nicht um zu erfahren, wie es ausgeht. Wie ich schon in meiner Kritik zur Barock-Trilogie geschrieben habe: Der Weg ist das Ziel. Noch eine Floskel, die bei Stephenson nicht nur so dahingesagt ist, sondern den Kern der Sache ziemlich gut trifft.


Apropos Barock-Trilogie: Wer die Klappentexte von «Cryptonomicon» und «Quicksilver» (1. Teil der Trilogie) vergleicht, wird schnell merken, dass Namen wie Waterhouse und Shaftoe in beiden Werken auftauchen. Dazu eine kurze Erläuterung. «Cryptonomicon» wurde vor der Barock-Trilogie geschrieben, handelt aber danach. Man kann die Werke unabhängig voneinander lesen und sie haben auch nicht viel miteinander zu tun - wenn man mal davon absieht, dass in «Cryptonomicon» die Nachfahren der Protagonisten der Barock-Trilogie am Werke sind. Es gibt noch ein paar andere Gemeinsamkeiten, die aber nichts zur Sache tun. Insofern spielt es keine Rolle, was man zuerst liest oder ob man nur eines der Werke liest. Ich habe es in der Reihenfolge «Cryptonomicon» - Barock-Trilogie - wieder «Cryptonomicon» gelesen. Beim zweiten «Cryptonomicon»-Durchgang war ich einige Male einigermassen fassungslos, als da am Rande Dinge auftauchten, die ich aus der Barock-Trilogie kannte, die ja nach «Cryptonomicon» geschrieben wurde.
Und noch ein a propos (für diejenigen, die die Bücher schon gelesen haben): Über Enoch Root schreibe ich mal nichts. Das würde zu weit führen. Es gibt bereits eine textreiche (englische) Website über diesen mutmasslich Unsterblichen: What's up with Enoch Root?