Neal Stephenson – Anathem  

10 von 10 Punkten; William Morrow Verlag; 935 Seiten; erschienen 2008, Sparte: Science Fiction; Datum der Rezension: 31. Januar 2009

Inhalt:
Wir befinden uns auf dem erdähnlichen Planeten Arbre, im Jahr 3689. Die Gesellschaft ist – grob gesagt – in zwei Parteien aufgeteilt: Die säkulare Welt, die vergleichbar mit unserem täglichen Leben ist, und die Welt der so genannten Avout. Letztere sind Wissenschaftler und Philosophen, die ein klosterähnliches Leben führen und von der Aussenwelt abgeschnitten sind, um nicht den Einflüssen der säkularen Welt ausgesetzt zu sein. Bei ihren Forschungen sind die Avout vor allem auf ihren Intellekt angewiesen – sie haben in einer sonst hochtechnisierten Welt keinerlei Computer, ihr Wissen schreiben sie von Hand auf Blättern eines speziell dafür gezüchteten Baumes nieder. (Für diese seltsam wirkenden Einschränkungen gibt es einen Grund, der erst sehr viel später klar wird.)
Die Avout leben in verschiedenen Gruppen innerhalb ihrer Klöster. Der grösste Unterschied zwischen den Gruppen ist, dass sie in unterschiedlich langen Abschnitten für ein paar Tage Kontakt mit der Aussenwelt haben dürfte. Es gibt die «Einjährigen», die ihre Pforten jedes Jahr öffnen, die «Zehnjährigen», die das alle zehn Jahre machen und dann noch die Gruppen, die nur alle 100 respektive 1000 Jahre in Kontakt zur säkularen Welt haben. Unter anderem deshalb brodelt ausserhalb der Klostermauern die Gerüchteküche über die Avout und ihr Leben – da das (eher ungebildete) Volk wenig über die Avout weiss, werden sie eher gefürchtet als geliebt oder zumindest interessant gefunden. Das ändert sich auch nicht, als einzelne Avout zuerst seltsame Phänomene am Himmel bemerken und später aus ihrem Klosterleben abberufen werden, um der säkularen Macht zu Hilfe eilen müssen, um eine möglicherweise bedrohliche Situation abzuwenden.

Meine Meinung:
Die Geschichte wird aus Sicht von Fraa Erasmas, einem jungen Avout, erzählt. Zunächst gibt uns Neal Stephenson so Zeit, sich halbwegs an die von ihm erschaffene Welt Arbre und die Avout zu gewöhnen. Und die Zeit braucht man auch, weil er mit Arbre gleich noch die Geschichte des Planeten geschaffen hat. Es ist ein bisschen, wie wenn ein Ausserirdischer auf der Erde landen würde und sich dann mit verschiedenen Religionen, Philosophen und Weltanschauungen auseinandersetzen müsste. Es ist über weite Strecken des Buches ein sehr hartes Stück Arbeit, lang verstorbene Weise wie Proc, Halikaarn oder Protas (und wofür sie stehen) auseinanderzuhalten. Und was war nochmal genau der Unterschied zwischen komplexem und simplem Protismus? So weit würde es ja noch gehen, aber das waren jetzt grade mal fünf Stichworte aus einem Glossar von über 40 (möglicherweise sogar über 50) Begriffen, die alleine von Religions- oder Philosophiestiftern und ihren Ansichten handeln. Damit hat man aber weder das avoutspezifische Vokabular für das tägliche Leben (sicher nochmal 50 Begriffe) oder all die anderen schönen Arbre-Wörter/-Traditionen/-Spezialitäten und technischen Begriffe abgedeckt. Das bedeutet zwei Dinge: 1. Endloses, verwirrtes Blättern im Glossar. 2. Wenn man dieses Buch liest, liest man dieses Buch und atmet gleichzeitig. Für alle anderen Aktivitäten dürften keine Kapazitäten mehr vorhanden sein. Ich kann mich nicht erinnern, jemals ein schwierigeres Buch gelesen zu haben. Jetzt kommt ein Vergleich, den ich nur mache, damit möglichst viele Leute verstehen, wie kompliziert alles ist und nicht, um zwei völlig verschiedene Bücher miteinander in einen Topf zu werfen. Also: Wenn «Der Herr der Ringe» mit seinem Spezialvokabular ein Segelflugzeug ist, dann ist «Anathem» im Vergleich dazu ein Linienjet: Funktioniert nach denselben Prinzipien, ist aber sehr viel komplizierter.

Trotz aller Verwirrung und dem Gefühl, wie ein Volldepp in der Geschichte herumzutappen, machte mir das Buch vor allem eines: extrem viel Spass. Auch wenn ich die Welt der Avout zunächst nur in groben Zügen verstand, so fühlte ich mich doch sofort wohl darin und wollte sie eigentlich gar nicht mehr verlassen. Das hat einmal mehr mit Stephensons witziger Schreibe und den ausufernden Beschreibungen von Dingen und Gegebenheiten – die nichts zur Sache tun und einfach nur für Atmosphäre sorgen – zu tun.
Ich habe Kritiken von anderen Lesern im Internet durchstöbert und bin bei denen, die das Buch nicht mochten, immer wieder auf dieselben Vorwürfe gestossen: unlesbar, weil viel zu kompliziert und zu viele Details, infolgedessen eine zu lange Story. Und ja, man hätte dasselbe auch mit 300 Seiten weniger erzählen können. Was die einen aber für verbalen Durchfall des Autors halten, ist für mich genau das, was seine Bücher von vielen anderen unterscheidet und erst lesenswert macht: Er lässt sich Zeit und Platz, um nicht nur eine Geschichte zu erzählen, sondern dem Leser die von ihm erschaffene Welt so zu zeigen, wie er sie im Kopf hat. Und so etwas muss manchmal wortreich beschrieben werden. Mir wird sowas bei Stephenson nie langweilig – aber ich habe durchaus Verständnis für Leute, die das anders sehen.

Die Schwächen von «Anathem» sind dieselben wie in «Cryptonomicon» und der Barock-Trilogie: Die Charaktere bleiben flach und wirken austauschbar. Und Frauen spielen weiterhin nur Nebenrollen oder verhalten sich wie Männer in Frauengestalt. Macht mir aber nichts, weil es Stephenson offenbar nicht darum geht, die Geschichte einzelner Personen zu erzählen, sondern um das Gesamtbild, die globale Geschichte. Die Charaktere stehen dabei nur als (wirklich austauschbare) Symbole, als Vehikel zur Verfügung. Natürlich hat jeder Charakter bestimmte Eigenschaften, die sie unterscheibar machen (und Fraa Erasmas ist nichts anderes als eine neue Inkarnation von Daniel Waterhouse aus der Barock-Trilogie), aber tiefgründige Studien vom Innenleben der Protagonisten oder gar Entwicklungen sucht man vergebens. Und Kämpfe beschreibt Stephenson immer noch eher unbeholfen. Glücklicherweise gibts davon nur sehr wenige im Buch. Vielleicht hat ihm mal jemand gesagt, dass er solche Szenen meiden soll.

Dafür bietet «Anathem» so viel anderes, dass man dafür mehr als entschädigt wird. Es gibt eine neue Welt zu entdecken, tonnenweise Ein- und Ansichten, die einen weit über die Lesezeit hinaus beschäftigen, geniale Dialoge, die man gleich nochmal lesen möchte (und es teilweise auch tut) und immer wieder Stephensons Sarkasmus, von dem ich nie genug kriege.

Fazit:
Anathem wird einen Ehrenplatz in meinem Buchregal erhalten – zu 90 Prozent wegen seiner Qualitäten und zu 10 Prozent, weil ich ein bisschen stolz auf mich bin, dass ich es tatsächlich gelesen und bis auf ein paar Details verstanden habe. (Ich habe es auf Englisch gelesen, in dem Fall eine recht hohe Hürde.)