6 von 10 Punkten; Verlag: List GmbH & Co KG, München; 509 Seiten; erschienen 1999, Sparte: Historischer Roman; Datum der Rezension: Frühling 2004
Inhalt:
Der Titel des Buches täuscht. Mit Alchemie hat der Inhalt wenig zu tun. Es ist ein historischer Roman um eine eigenwillige Hafnerin, die gegen ihren Willen verheiratet werden soll. Und im München um 1320 bringt ihr die Verweigerung der Hochzeit so einige Schwierigkeiten. Ihr Verlobter ist nämlich ein richtiges Ekelpaket und besteht auf der Heirat. Allerdings nicht, weil er die Hafnerin Wiltrud liebt, sondern weil er auf ihr Grundstück scharf ist.
Die Sache wird durch die Anwesenheit von Spielleuten kompliziert. Sänger Siegfried macht Wiltrud nämlich den Hof, was diese nach anfänglicher Ablehnung zu geniessen beginnt. Allerdings scheint eine Beziehung von Anfang an aussichtslos, da die Spielleute schon prinzipiell einen schlechten Ruf geniessen und nach dem brutalen Mord an einem Pfarrer noch schlechter da stehen – die Bevölkerung würde ihnen das Verbrechen nur allzu gerne in die Schuhe schieben.
Meine Meinung:
«Das Labor des Alchemisten» ist ein klassischer historischer Roman und liest sich leicht und flüssig. Leider ist das Buch um etwa 100 Seiten zu lang geraten. Nicht, dass es wirklich langweilig würde, aber irgendwie beschleicht einen doch das Gefühl, dass sich die Geschichte ein wenig im Kreis dreht.
Man wird zwar mit einem spannenden Showdown belohnt, aber auch der wirkt ein wenig wie aus einem «Tatort»-Krimi entlehnt. Und die Schlussszene ist nicht nur absolut vorhersehbar, sondern nach meinem Geschmack auch zu «süss».
Genug des Negativen, das Buch hat genug positive Aspekte:
Der Autor schafft es, seine Charaktere derart zum Leben zu erwecken, dass man «seine Pappenheimer» mit der Zeit recht gut kennt und grösstenteils auch mag. Ausserdem werden einige Aspekte des mittelalterlichen Lebens so geschildert, dass man bisweilen recht schockiert ist, beispielsweise die ungerechte Behandlung der Frauen bei Vergewaltigungen (grundsätzlich ist die Frau selber schuld, wenn ihr so etwas widerfährt). Ob sich die Sache wirklich so drastisch verhielt, sei mal dahingestellt, vorstellbar ist es allemal.
Man erhält auch Einblick in die verschiedensten Berufsgattungen und kann sich so richtig vorstellen, wie München damals «funktionierte». Wobei auch hier kritisch angemerkt werden muss, dass die Figur des Henkers ein wenig überzeichnet scheint, ebenso die Furcht der einfachen Leute vor ihm.
Alles in allem ein unterhaltsamer Roman, den man vor allem auf den ersten 300 Seiten kaum aus den Fingern legen will. Darum gibt es trotz aller Kritik immer noch 6 Punkte.