Charlotte Thomas – Die Madonna von Murano

5 von 10 Punkten; Bastei Lübbe Verlag; 1028 Seiten; erschienen 2007, Sparte: Historischer Roman; Datum der Rezension: 2. Juni 2010

Inhalt:
Venedig, 1475: Während des Karnevals ist der Glasbläser Piero Foscari mit zwei Gehilfen unterwegs, als sie bemerken, dass eine sehr junge Frau von Männern mit Waffen verfolgt wird. Die drei wollen der Frau zu Hilfe eilen und finden sie in einer dunklen Seitengasse am Boden wieder. Sie ist schwer verletzt von der Attacke, hochschwanger und gerade im Begriff, ihr Kind zur Welt zu bringen. Mit der letzten Presswehe haucht die Unbekannte ihr Leben aus und das frisch geborene Mädchen wird von Foscari und seiner Frau adoptiert. Das ist der Auftakt zu einer Saga, die die ersten 26 Lebensjahre von Sanchia Foscari beschreibt.

Meine Meinung:
Was hochdramatisch mit einer Geburt auf den letzten Drücker (im wahrsten Sinne des Wortes) beginnt, bleibt über die nächsten 1000 Seiten so. Das ist einerseits gut für den Unterhaltungsfaktor, andrerseits schlecht für die Glaubwürdigkeit. Für das, was Sanchia Foscari in einem Vierteljahrhundert erlebt, bräuchte auch so mancher Mensch in unserer schnelllebigen und wechselvollen Zeit mindestens ein ganzes Leben.

Die verstrickte Familiengeschichte der Caloprinis (in deren Haus Sanchias Mutter gedient hatte) würde die Augen jedes Seifenoper-Regisseurs zum Leuchten bringen. Wahnsinn, Ehebruch, Inzest, Komplotte, Mordlust und noch mehr dunkle Geheimnisse sind der Kitt, der diese Familie zusammenhält. Wer mit wem und weshalb so und nicht anders erfährt man natürlich erst in der Schlussfolge... äh... auf den letzten 30 Seiten. Vorher ists wie «Lindenstrasse» gucken: Du weisst ganz genau, dass sich gleich hinter der Ecke das nächste Unheil verbirgt.

Dabei gibt sich die Autorin nicht mal ansatzweise Mühe, unwahrscheinliche Zufälle wenigstens ansatzweise plausibel zu erklären; im Gegenteil: gegen Ende wird sogar noch auf eine Art siebten Sinn verwiesen, um die überraschende Präsenz eines Retters in einer gefährlichen Lage zu erklären. Das und die Gewohnheit, den Leser immer wieder mit billigen Cliffhangern hinzuhalten, zeugen meiner Meinung nicht von einem Unvermögen der Autorin, sondern ganz einfach von schlechtem Geschmack.

Und damit kommen wir zum Positiven: Charlotte Thomas kann eigentlich schreiben und wenn sie sich im Geschichtsaufbau vom kleinen Einmaleins der Seifenopern und Liebesschnulzen lösen könnte, käme ein sehr lesenswertes Buch dabei heraus. Dass die Recherchen zu «Die Madonna von Murano» mit viel Aufwand und Ernsthaftigkeit betrieben wurden, habe ich an mehreren Stellen bemerkt. Es zeigt sich unter anderem darin, dass es der Autorin gelungen ist, ein sehr lebendiges Bild vom spätmittelalterlichen Venedig und seiner Bewohner zu schaffen. Mir war schon vor der Hälfte des Buches klar, dass ich den Plot unter «abhaken, vergessen» verbuchen würde. Trotzdem las ich gerne weiter, weil gerade die undramatischen Stellen dank genauer Beschreibungen schön zu lesen waren und der Unterhaltungsfaktor hoch war.

Allerdings ist Charlotte Thomas trotz aller Genauigkeit und Liebe zum Detail (bewusst?) in eins der häufigsten Fettnäpfchen getreten, die das Leben für Autoren von historischen Romanen aufgestellt hat: Die Hauptcharaktere sind fast durchgängig modern denkende Menschen des 20. Jahrhunderts. «Moderne» Charaktere gibt es in praktisch allen Mittelalterromanen und das trägt sicher zur Lesbarkeit solcher Bücher bei. Aber man kanns auch übertreiben und genau das ist hier leider passiert: Von der forschenden Nonne bis zum werdenden Vater, der unbedingt die Geburt seines Kindes an der Seite seiner Frau erleben möchte, werden alle möglichen modernen Ansichten und Gewohnheiten geboten. Das geht im Einzelfall, aber in der Häufung fällts negativ auf.

Fazit:
Hätte die Autorin überall (mit Ausnahme von Recherche, Detailversessenheit und Personenbeschreibungen) um 30 bis 40 Prozent zurückgeschraubt, wäre «Die Madonna von Murano» ein äusserst lesenswertes Buch geworden. So ist es ein unterhaltsames Buch mit einem bis an die Schmerzgrenze übertrieben Plot. Ideal geeignet für «GZSZ»-Fans mit einem Mittelaltertick.