8 von 10 Punkten; Gütersloher Verlagshaus; 185 Seiten; erschienen 2009, Sparte: Sachbuch; Datum der Rezension: 21. Mai 2009
Inhalt:
Der Unter-Untertitel des Buches lautet «Eine heitere Seelenkunde», was den Inhalt recht gut zusammenfasst. Manfred Lütz präsentiert hier so ziemlich alle psychiatrischen Diagnosen, allerdings weniger mit Symptomen, sondern oft an konkreten Beispielen. Es wird jede Form der geistigen Erkrankung aus der Sicht des Therapeuten und der Sicht des Patienten erklärt.
Es werden auch immer wieder gesellschaftskritische Teile eingestreut, die sich auf den Titelteil «Unser Problem sind die Normalen» bezieht. Lütz schildert, wie unsere Gesellschaft mit ihren so genannt Irren umgeht und spart dabei nicht an (nachvollziehbarer) Kritik.
Meine Meinung:
Gesellschaftskritik und alle psychiatrischen Diagnosen (inklusive Therapiemethoden!) auf 185 Seiten – geht das? Jein. Lütz' Buch wirkt auf mich trotz des schmalen Umfangs sehr komplett und – wie er selber feststellt – wenn man sich für eine spezielle Erkrankung besonders interessiert, gibt es tonnenweise spezifische Werke darüber. Es gibt aber durchaus Abschnitte, bei denen ich mich mit Kurzfutter abgespeist fühlte und denen ein bisschen mehr Details durchaus gut getan hätten.
Trotzdem finde ich das Buch äusserst lesenswert. Die Stärke liegt nämlich darin, dass dieses Buch in erster Linie für die Allgemeinheit geschrieben wurde und vor allem ein Ziel hat: Das Verständnis für psychisch Erkrankte zu wecken, in dem es erklärt, wie die Krankheiten zustande kommen und wie sich der Patient dabei fühlt. Das gelingt auch, weil Lütz zudem noch deutlich macht, was eine Erkrankung von ganz normalem, nicht krankem Wahnsinn unterscheidet. Das war für mich sehr spannend, da Lütz bei vielen Dingen einen überraschenden Blickwinkel einnimmt und aussergewöhnliche Gedanken formuliert, die es wert sind, darüber nachzudenken.
Manfred Lütz nimmt uns mit in die Welt der Irren und was er uns dort zeigt ist auch das schwere Leiden der Betroffenen, aber eben nicht nur. Er zeigt uns in dem Buch auch die starken Seiten der Kranken, wo sie uns Normalen überlegen sind und wie wunderbar ihre Welt sein kann. Das schafft Lütz ohne dabei kitschig zu werden oder die Situation der Kranken zu verklären. Das Buch ist mit viel Humor geschrieben und mit lustigen Fallbeispielen gespickt, verliert aber nie den Respekt vor den Kranken. Die Gratwanderung zwischen Information und Unterhaltung ist sehr gut geglückt, das Buch ist auch in dieser Hinsicht sehr ausgewogen.
Fazit:
Wer wissen möchte, weshalb die Normalen tatsächlich das grössere Problem als die meisten Irren sind, sollte dieses liebevoll geschriebene und gut verständliche Buch lesen. Ebenso Leute, die sich öfter fragen, ob sie normal sind.
Und dann natürlich all diejenigen, die in ihrem Umfeld psychisch kranke Personen haben – etwa ein Arbeitskollege, eine Bekannte oder auch ein Familienmitglied – und nicht so recht wissen, wie sie mit ihnen umgehen sollen. Da kann genau dieses Buch eine grosse Entlastung und Hilfe sein, weil es Verständnis für die Situation des Patienten weckt und damit Hemmungen abbaut.