5 von 10 Punkten; Heyne Verlag; 282 Seiten; erschienen 1984; Sparte: Science Fiction; Datum der Rezension: 1. Januar 2012
Inhalt:
Die Trilogie besteht aus den drei Büchern «Neuromancer», «Biochips» (Originaltitel «Count Zero») und «Mona Lisa Overdrive». Um die Geschichte (halbwegs) zu verstehen, empfiehlt es sich, auch tatsächlich alle drei Teile zu lesen.
Grundsätzlich geht es um Geschehnisse im Cyberspace (den Begriff hat William Gibson übrigens erfunden), in dem künstliche Intelligenzen und ihre Schöpfer ihre ganz eigenen Ziele verfolgen. Dafür brauchen sie jedoch Hilfe von aussen und das die holen sie sich, indem sie allerlei Menschen manipulieren: Von Cyberspace-Profis wie den so genannten Konsolenjockeys bis hin zu Unterschichtlern, die kaum je den Cyberspace aufsuchen. Dabei geht niemand zimperlich vor, es ist schliesslich eine harte Welt da draussen und wer die Regeln nicht kennt oder sich mit den falschen Leuten einlässt, ist schnell tot.
Meine Meinung:
William Gibson hat mit dieser Trilogie in den 80er-Jahren des letzten Jahrhunderts eine Welt geschaffen, die uns heute sehr bekannt vorkommt und in der es Dinge gibt, die Gibson vorhergesehen hat, ohne dass er es wirklich wissen konnte. Zudem merkte ich beim Lesen immer wieder, wie sehr diese Trilogie andere Autoren beeinflusst hat. Ich hielt musste mir immer wieder das Erscheinungsjahr vor Augen halten, da die Trilogie (von ein paar Details abgesehen) auch ganz gut aus dem Hier und Heute stammen könnte. Da das Buch in der näheren Zukunft spielt, ist das sehr aussergewöhnlich und eine beeindruckende Leistung des Autors. Es war auch sehr geschickt, dass er darauf verzichtet, zu erklären, wie der Cyberspace technisch funktioniert oder was einzelne Begriffe bedeuten. Damit kann man nur verlieren und deshalb erklärt er die künftige Welt nicht, sondern beschreibt sie so, dass sich die Begriffe während des Lesens durch die Vorstellungskraft des Lesers selber erklären. Das fand ich anfangs etwas anstrengend, aber mit der Zeit ging es immer besser, so dass es mich insgesamt nicht gestört hat.
Andere Dinge wiederum haben den Lesegenuss so sehr getrübt, dass ich ein paar Mal kurz davor war, die Lektüre abzubrechen. Im Nachhinein muss ich sagen, dass auch das nicht verkehrt gewesen wäre. Erzählerisch ist Gibson nämlich überhaupt nicht auf der Höhe. Es gab mehr als eine entscheidende Szene, in der er absichtlich so vage bleibt, dass ich keine Chance hatte, zu begreifen, was jetzt eigentlich passiert ist. Mit der Zeit fühlte ich mich regelrecht veräppelt, weil auch nachträgliche Erklärungen ausbleiben und nachdem ich den letzten Satz gelesen hatte, war mein erster Gedanke «Das ist doch kein Schluss! Wo ist der Rest?». Ganz schlecht, wenn sowas passiert. Zumal der letzte Satz nahelegt, dass die Geschichte eigentlich noch lange nicht ausgestanden ist. Und auch wenn ich nichts gegen offene Enden habe, kam es mir in diesem Fall einfach nur billig vor. Man wird nach über 800 Seiten einfach aus der Story geworfen, mit einem Haufen offener Fragen im Handgepäck. Geht gar nicht.
Ein Beispiel dafür sind die total ungeklärten Phänomene im Buch, wie etwa die im Cyberspace auftauchenden Voodoo-Götter, an die die einen glauben und die sich die anderen nicht erklären können. Auch billig, zumal sie für die Geschichte wichtig sind und entscheidende Impulse geben. Zumindest die Andeutung einer Erklärung wäre nett gewesen, aber auch da: Fehlanzeige. Möglicherweise würde mir bei einem zweiten Umgang noch das eine oder andere Lichtlein aufgehen, aber die Motivation dazu ist gleich null, da die grosse Erleuchtung garantiert ausbleibt. Und nur dafür würde es sich lohnen, nochmal die ganzen Sprünge zwischen den Handlungssträngen mit einer stetig wachsenden Zahl an Protagonisten, die insgesamt wenig Substanz haben, mitzumachen.
Fazit:
Ein schlecht geschriebenes Buch mit visionären Ansätzen. Deshalb eine Wertung in der Mitte. Idee: sehr gut. Ausführung: ungenügend.