Gabriel García Márquez – Hundert Jahre Einsamkeit  

3 von 10 Punkten; Kiepenheuer&Witsch Verlag; 495 Seiten; erschienen 1967, Sparte: Sonstige Belletristik; Datum der Rezension: 25. Januar 2011

Offener Brief an die (fiktive) Familie Buendía

Liebe Familie Buendía

Ich glaube, wir hätten unter anderen Umständen gute Freunde werden können, aber ihr habt leider alle einen an der Klatsche. Zugegeben, dafür könnt ihr nichts. Was ihr seid und was ihr tut habt ihr alles euerm Schöpfer mit dem klangvollen Namen Gabriel García Márquez zu verdanken. Er hat für euch sogar den Literatur-Nobelpreis erhalten, was mich misstrauischer hätte machen sollen.

Es gibt nämlich zwei Arten von Leuten, die Bücher schreiben. Diejenigen, die das Schreiben in erster Linie als kreatives Handwerk verstehen. Wollen wir sie Schriftsteller nennen. Und dann gibt es noch die, die das Schreiben in erster Linie für eine Kunstform halten. Wollen wir sie Literaten nennen. In beiden Kategorien gibt es Talentierte und, nun ja, andere. Euer Erfinder scheint mir in der Kategorie der Literaten einer der talentierten Sorte zu sein. Eine wunderbare Sprache und sehr schöne Bilder zeugen davon, dass der Mann mit Worten umgehen kann. Deshalb habe ich es auch geschafft, eure Geschichte etwa bis in die Hälfte zu verfolgen.

Jetzt muss ich euch leider verlassen, denn euer Erfinder hat mit euch das gemacht, was Literaten ihren Figuren schon fast standardmässig antun: zuspitzen, schleifen und mit einer Unmenge von symbolischem Verhalten versehen. So lange, bis darin kein glaubwürdiger Mensch mehr zu erkennen ist. Derart verunstaltet müsst ihr die verrücktesten Dinge tun, wie etwa jahrelang an einem Kastanienbaum angekettet sein und von der Familie gefüttert werden, nicht wahr, lieber José Arcadio? Oder euern Nachkommen immer wieder dieselben Namen geben, damit man nachher nicht mehr weiss, welcher José Arcadio jetzt im vorangegangenen Satz gemeint war. Und fast jeder von euch hat eine Neigung zu Inzest. Wer weiss, vielleicht steht das für euren Erfinder symbolisch für Korruption und Vetternwirtschaft im realen Südamerika?

Ich kann es nicht wissen und ohne Sekundärliteratur werde ich es auch nicht herausfinden. Das ist schade, denn ich bin der Meinung, dass ein Buch, egal wie viel tiefere Bedeutung sich noch darin verbergen mag, auch so verstanden werden muss. Nur aus sich selber. Und, liebe Buendías, das ist bei eurer Geschichte kaum der Fall. In euerm Dorf geht es zu wie aus einer Kombination zwischen Jahrmarkt und Knastausflug und keinen stört es, weil alle zu sehr mit ihren eigenen, wirren Problemen beschäftigt scheinen. Da können sich Halbwüchsige zu Dorfkönigen aufschwingen und willkürlich Leute erschiessen. Da kann eine Frau ihren Mann töten und keinen interessiert es, weil sie sich danach in ihr Haus zurückzieht und einfach nicht mehr raus kommt. Gut, man könnte einwenden, sie sässe in dem Moment ja bereits im Gefängnis, wozu also noch die Aufregung?

Findet ihr das nicht auch ein wenig seltsam? Wahrscheinlich nicht, ihr kennt ja kein normales Leben. Lasst euch einfach so viel gesagt sein: Im richtigen Leben hättet ihr vielleicht auch ein kleines Dorf für euch. Mit einem grossen Zaun rundrum und ganz viel lieben Menschen, die sich Pfleger nennen. Es gäbe sicher auch Bücher in dem Dorf. Lustige, traurige, spannende, dicke, dünne – eine grosse Palette. Und vielleicht würde einer von euch eines Tages ein Buch zur Hand nehmen, dessen Autor sehr gelobt wird. Eines, das einen Preis gewonnen hat, also ein ausgezeichnetes Buch. Die Erwartungen wären vielleicht nicht allzu hoch, weil man ja doch nie weiss, was es zwischen den Buchdeckeln zu entdecken gibt. Der lesende Buendía würde also anfangen und nach den ersten Seiten denken: «Schönes Buch, aber ein bisschen seltsam». Ein paar Kapitel später würde er sich fragen, ob hier noch irgendwo eine Geschichte zu erwarten sei und nicht bloss eine Aneinanderreihung von Episoden. Wiederum ein Kapitel später ist diese Hoffnung aufgegeben, was ja nicht so schlimm ist. Es ist schliesslich immer noch ein schönes Buch. Aber so langsam fangen die Protagonisten an zu nerven und der lesende Buendía fragt sich, was er hier eigentlich tut. Schliesslich haben die Pfleger ja noch viele andere Bücher. Aber er ist ein zäher Kerl und will sich bis zum Ende durchbeissen, auch wenn ihm sein Instinkt sagt, dass es ein grausiger Kampf ohne Sieger sein wird. Der Buendía hält durch und liest das Buch, um es dann aus lauter Wut aufzuessen. (Eine solche Aktion würde jedenfalls zu einem richtigen Buendía passen.)

Seht ihr, genau in dem Punkt unterscheiden wir uns. Ich habe mich nicht durchgebissen, sondern das einzig Vernünftige in einer solchen Situation getan: das Buch für (ziemlich sicher) immer zugeklappt. Es tut mir Leid für euch, so uninteressant wart ihr nicht. Aber nach 200 Seiten weiss ich alles, was ich über euch je zu wissen brauche: Nämlich dass wir, wie eingangs erwähnt, niemals Freunde werden.

In diesem Sinne wünsche ich euch alles Gute (ihr könnts wirklich brauchen, glaubt mir!) auf euern weiteren Wegen, die ihr ohne mich beschreiten werdet.

Adiós.