9 von 10 Punkten; Bastei Lübbe Verlag; 844 Seiten; erschienen 2011; Sparte: Historischer Roman; Datum der Rezension: 1. Dezember 2011
Inhalt:
Seit 1360 (und drei Büchern) darf man Rebecca Gablés englische Adelsfamilie Waringham als Leser begleiten. Im vierten Teil (man kann die Bücher übrigens unabhängig voneinander lesen) schreiben wir das Jahr 1529 und für die Waringhams sind die Zeiten nach den Rosenkriegen und der Thronübername durch die Tudors nicht rosiger geworden: Das Gut ist verschuldet und die Pferdezucht durch den aktuellen Earl of Waringham, Jasper, vernachlässigt. Dieser kann mit Pferden nicht viel anfangen, er widmet sich lieber philosophischen und religiösen Fragen, namentlich der Reformbewegung, die die katholische Kirche und ihre Würdenträger in Zweifel zieht und die Kirche neu aufbauen möchte. Natürlich werden solche Ansichten als ketzerisch angesehen und so muss sich Waringham nicht wundern, als er verhaftet und im Tower von London eingekerkert wird. Sein 14-jähriger Sohn Nicholas muss die Stellvertretung einnehmen, was dank der bösen Stiefmutter zunächst mehr Probleme verursacht als löst.
Und auch in der hohen Politik mischt der junge Waringham mit: Er pflegt freundschaftlichen Umgang mit Catalina, die Frau von König Henry VIII., und deren ältester Tochter Mary, die die Reformbewegung ebenso verabscheuen wie Nick selber. Als Henry sich von Catalina scheiden lassen will, um die junge Anne Boleyn zu heiraten, steht Nick den beiden Frauen bei (und wendet sich gegen den König), was ihn in noch ernstere Schwierigkeiten bringt.
Meine Meinung:
Von allen Gablé-Romanen, die ich bis jetzt gelesen habe – immerhin sieben – fand ich diesen den interessantesten. Das liegt vor allem daran, dass ich die historischen Fakten um Henry VIII. und seine sechs Königinnen schon im Vorfeld recht gut kannte, bisher allerdings eher aus der Sicht der historischen «Sieger», also der Protestanten (oder wie sie zu der Zeit noch heissen Reformer). Rebecca Gablé hat den Ansatz gewählt, die Geschichte aus der Warte papsttreuer Katholiken zu erzählen, die zwar wissen, dass in ihrer Kirche vieles im Argen liegt, die aber dennoch an den Glaubensgrundsätzen des Katholizimus festhalten wollen.
Henry und seine Berater sind in dem Buch keine Hauptfiguren und kommen insgesamt nicht gut weg, während die fromme Mary für einmal nicht als halsstarrige Katholikin auftritt, sondern als starke Frau mit eigener Meinung porträtiert wird. Daran musste ich mich zuerst gewöhnen, zumal sie später als berüchtigte «Bloody Mary» in die Geschichte einging. (Der Teil ist allerdings nicht mehr Bestandteil des Romans.) Nachdem ich mich also in neutrale Stimmung versetzt hatte, war die Lektüre ein Genuss, da Gablé auf gewohnt hohem Niveau zu unterhalten weiss und ganz nebenbei eine für mich neue Perspektive auf die Geschehnisse eröffnete.
Auch die Waringham-Geschichten und Geschichtchen, die wie immer den Hauptteil des Romans ausmachen, scheinen einerseits altbekannt, weil man beispielsweise die Schauplätze schon sehr gut kennt, andrerseits wandeln sich mit den Zeiten auch die Probleme der Familie. Während die früheren Waringhams Schlachtrösser züchteten und mit ihrem König ins Feld zogen, muss sich Nick darauf einstellen, dass die Zeit der grossen Reiterheere mit der zunehmenden Verbreitung von Schusswaffen ein Ende hat und man entsprechend eher gute Reitpferde für die immer einflussreicher werdenden Kaufleute züchtet. Zudem ist er mit Landverlust durch Verkäufe und mit schrumpfenden Pachten konfrontiert. Ein erstes Anzeichen dafür, dass ein Wandel ansteht, an dessen Ende nicht mehr die edelste Abstammung sondern die dickste Geldbörse bestimmen, wer in der Gesellschaft oben und wer unten ist.
Und auch das Kriegshandwerk gehört nicht mehr unbedingt zu den Künsten, die jeder Adlige beherrschen muss. Politik spielt in diesem Roman eine viel grössere Rolle als in früheren Bänden und Nick, der für höfische Intrigen und politisches Geplänkel nicht viel übrig hat, stolpert des Öfteren blauäugig in Fallen, die ihm versiertere Gegner gestellt haben. Da er zudem noch das traditionell lose Mundwerk der Waringhams besitzt, bringt er sich in Situationen, in denen er mit Mut und Standhaftigkeit das kompensiert, was ihm bisweilen an Verstand fehlt. Er ist also kein strahlender Held wie einige seiner Vorfahren und gerade diese Grauschattierungen gefielen mir besser als die blütenweissen Hauptcharaktere, die in früheren Büchern vorkamen.
Fazit:
Ein wunderbarer historischer Roman einer Schriftstellerin, die sich auf sehr hohem Niveau weiter entwickelt hat (die dummen Zufälle werden auch weniger). Das Buch überzeugt durch historische Faktentreue, wie immer gekonnt vermischt mit Fiktion. Der Wunsch nach einem fünften Teil ist bei mir definitiv geweckt.