8 von 10 Punkten; Goldmann Verlag; 417 Seiten; erschienen 2009, Sparte: Krimi; Datum der Rezension: 18. Juli 2010
Inhalt:
Dem dänischen Vizekriminalkommissar Carl Mørck geht es nicht so gut: Im Laufe einer Ermittlung wurden er und zwei Kollegen angeschossen. Mørck kam glimpflich davon, ein Kollege starb und der andere ist von der Schulter abwärts gelähmt. Kein Wunder, hat Mørck keine grosse Lust, wieder voll in den Job einzusteigen und auch seine Vorgesetzten wissen nicht, was sie mit ihm anfangen sollen. Also betrauen sie ihn mit der Aufgabe, alte ungelöste Fälle noch einmal zu prüfen. Als Assistenten bekommt er den ehemaligen syrischen Flüchtling Hafez el-Assad zur Verfügung gestellt. Mørck beschliesst, den Selbstmord oder Mord an der jungen Politikerin Merete Lynggaard nochmal unter die Lupe zu nehmen. Bald merkt er, dass bei der Ermittlung vor fünf Jahren viel Mist gebaut wurde.
Währenddessen sitzt das vermeintliche Mordopfer Merete Lynggaard in einem trostlosen Bunker, wo sie vor sich hinvegetiert. Ihre Peiniger wollen ihr nicht sagen, wieso sie sie entführt haben und wofür Merete büssen muss. Das ist ein Teil der Strafe, die sie zu erdulden hat.
Meine Meinung:
Bei dem Roman handelt es sich um den ersten Fall für Carl Mørck und sein Sonderdezernat Q, das aus ihm und seinem Assistenten Assad besteht. Mit diesen beiden Figuren ist Adler-Olsen ein grosser Wurf gelungen; beide haben diverse Macken, aber sind total sympathisch. So verwendet Mørck fast so viel Zeit darauf, seine Vorgesetzten und Kollegen zu ärgern (aus reiner Notwehr, wie er wohl behaupten würde, schliesslich haben sie ihn zuerst geärgert) wie auf die Ermittlungen. Natürlich ist auch sein Privatleben alles andere als harmonisch, aber anstatt schwermütig zu werden, versucht er lieber, dem Ärger aus dem Weg zu gehen und Dinge lieber zu ignorieren, als sie sich zu Herzen zu nehmen.
Assad ist ein undurchsichtiger Kerl, der nicht darüber reden möchte, weshalb er aus seinem Heimatland fliehen musste und was er dort gemacht hat. Er ist allerdings eine gute Seele, erledigt seine Aufträge gewissenhaft und versucht auch immer wieder, seinen Chef kulinarisch zu beglücken. Sei es mit frisch gekochtem Tee oder mit Blätterteigtaschen, die seine Frau gebacken hat. Mørck allerdings hat so seine liebe Mühe mit der syrischen Küche und auch sonst ist ihm der Kulturkreis, aus dem Assad stammt, keineswegs vertraut und er gibt sich auch keine grosse Mühe, die Hintergründe zu verstehen. Das sorgt ab und zu für Spannungen zwischen den beiden, die noch verstärkt werden durch den Umstand, dass Mørck ein erfahrener Ermittler ist und Assad zwar ein helles Köpfchen hat, aber manchmal dank seiner Unbedarftheit schon zur Hypothek für Mørck wird. Trotzdem freunden die beiden sich an, weil Mørck schnell klar wird, dass Assad auch ohne Polizeiausbildung ein äusserst fähiger Assistent ist.
Neben diesen beiden spielt natürlich auch das Leben und Wirken des Opfers Merete Lynggaard eine grosse Rolle in dem Buch. Sie hat eine lange und grausame Kerkerhaft zu erdulden, die nur schwer vorstellbar ist. Der Autor versucht zwar zu beschreiben, wie es Lynggaard in ihrem Bunker über die Jahre geht, was sie denkt, wie sie sich ihre geistige Gesundheit und ihre Würde zu erhalten versucht und auch wie sie körperlich verfällt. Ich halte die Schilderung einerseits für denkbar und glaubwürdig, andrerseits verhält sich Lynggaard aber auch immer wieder recht ungeschickt und dumm. Im Gegensatz zum Initiator der Entführung, der, wie sich am Ende zeigt, sehr geschickt vorgegangen ist und fast keine Fehler machte. Hinter das Motiv muss ich allerdings ein dickes Fragezeichen machen. Psychopath hin oder her, das war ein bisschen dick aufgetragen (zumal eine so verkorkste Persönlichkeit wahrscheinlich schon mal früher aufgefallen wäre...) Aber gut, den Lesespass hat es nicht gemindert.
Fazit:
Für mich eine lohnende Neuentdeckung, von Mørck und Assad möchte ich noch mehr lesen.