Umberto Eco – Der Friedhof in Prag  

6 von 10 Punkten; Hanser Verlag; 609 Seiten; erschienen 2011, Sparte: Sonstige Belletristik; Datum der Rezension: 28. Februar 2012

Inhalt:
Simon Simonini ist Urkunden- und Testamentsfälscher im Paris des späten 19. Jahrhunderts. Da er etwas von seinem Geschäft versteht, bekommt er interessante Aufträge von Regierungen und Geheimdiensten. Und weil Simonini selber so unmoralisch ist wie das Geschäft, das er betreibt, ist er sich auch nicht zu schade, für zwei Seiten gleichzeitig zu arbeiten und auch mal die eine gegen die andere auszuspielen. Komplotte sind seine Welt und für Geld stellt er Dokumente her, die einzelne Personen oder ganze Volksgruppen übel dastehen lassen. Das fällt ihm nicht schwer, da er so ziemlich alles und jeden hasst – seien es Frauen, Juden, Russen oder Deutsche. Entsprechend hat er keine Freunde und kaum soziale Kontakte, die über das rein Geschäftliche hinausgehen. In einem Protokoll, das er Tagebuch nennt, hält Simonini fest, was er in seinem Leben so getrieben hat. Und der Kerl hat so einiges auf dem Kerbholz.

Meine Meinung:
Dieser Roman von Umberto Eco schien mir lesbarer als etwa «Das Foucaultsche Pendel», aber Kopfarbeit ist auch hier gefragt. Das Buch wimmelt nur so von Protagonisten, die bis auf Simonini wohl alle existiert haben. Ich hatte irgendwann den Überblick darüber verloren, wer jetzt genau wer ist und mit wem in Verbindung steht. Dank des umfangreichen Anhangs, in dem die historischen Persönlichkeiten beschrieben werden, könnte man sich den Überblick zwar wieder verschaffen, aber so wichtig wars mir dann doch nicht. Wie an anderer Stelle schon mehrfach vermerkt, muss ein Buch für mich auch ohne Sekundärliteratur funktionieren (und als solche würde ich den Anhang bezeichnen). Dieses Kriterium wird hier erfüllt, der Roman funktioniert als eine Art Räuberpistole, in der ein nicht reuiger Krimineller auf die Taten seines Lebens zurück blickt. Natürlich ist der reale Hintergrund der Geschichte tragisch – Simonini hat wesentlichen Anteil an der Erstellung der «Protokolle der Weisen von Zion», die wiederum Adolf Hitler ein halbes Jahrhundert später in seinen Wahnvorstellungen bestätigten –, trotzdem habe ich mich streckenweise darüber amüsiert, wie geschickt Simonini Leute manipuliert und missbraucht, um seine eigenen Ziele verfolgen zu können.

Erschreckender als Simonini und die Folgen seiner Protokolle fand ich die Passagen, in denen erklärt wird, was es braucht, um durchschnittliche Leute zu Fremdenhass zu bewegen. Da werden Methoden beschrieben, die auch heute noch funktionieren und von Rechtspopulisten entsprechend gerne verwendet werden. Wie Eco selber im Nachwort schreibt, ist Simonini immer noch unter uns.

Das zeigt folgender Abschnitt, in dem ein russischer Geheimdienstler Simonini erklärt, wieso dieser ein Dokument erstellen soll, dass das russische Volk gegen die Juden aufhetzt:

«Ich bin daran interessiert, die Moral des russischen Volkes aufrechtzuerhalten, und ich wünsche nicht (...) dass dieses Volk seine Unzufriedenheiten gegen den Zaren kehrt. Also braucht es einen Feind. Nun wäre es sinnlos, den Feind unter, was weiß ich, den Mongolen oder Tataren zu suchen, wie es die Autokraten früherer Zeiten getan haben. Damit der Feind erkennbar und furchterregend ist, muss er im Hause sein oder jedenfalls an der Schwelle des Hauses. Deswegen die Juden. (...)
Jemand hat gesagt, der Patriotismus sei die letzte Zuflucht der Kanaillen – wer keine moralischen Prinzipien hat, wickelt sich gewöhnlich in eine Fahne, und die Bastarde berufen sich stets auf die Reinheit ihrer Rasse. Die nationale Identität ist die letzte Ressource der Entrechteten und Enterbten. Doch das Identitätsgefühl gründet sich auf den Hass, Hass auf den, der nicht mit einem identisch ist. Daher muss man den Hass als zivile Leidenschaft kultivieren. (...) Man braucht immer jemanden zum Hassen, um sich im eigenen Elend gerechtfertigt zu fühlen.»

Mir fallen da ein paar aktive Politiker aus dem rechten Spektrum ein, die mit ähnlichen Wertvorstellungen operieren. Auch wenn sie das nie so eloquent ausdrücken könnten.

Fälschungen und fingierte Dokumente führen oft zu Verschwörungstheorien und entsprechend wird auch dieses Thema aufgegriffen. Es wird in dem Buch mehrfach betont, dass die Leute nur glauben, was sie sowieso schon wissen oder zu wissen glauben. Wer also die amerikanische Regierung für fähig hält, tausende Leute zu töten, der wird auch glauben, dass das FBI für die Anschläge auf die Twin Towers in New York verantwortlich war. Das Prinzip funktioniert schon seit der Antike und entsprechend wird auch heute noch die Kommunikation gesteuert – von den wirren Verfassern von Verschwörungstheorien bis eben hin zu politischen Parteien mit wenig lauteren Absichten. Womit wir wieder bei dem Punkt wären, dass Simoninis Geist so lebendig ist wie eh und je.

Schön, dass Eco die Geschichte aus Sicht der Brandstifter erzählt, ohne dabei zu werten. Es darf jeder Leser selber seine Schlüsse ziehen. Weniger schön ist die Konstruktion der Geschichte. Da gibt es einerseits das Protokoll Simoninis (er nennt es ein Tagebuch), dann gibt es das Tagebuch des Abbé Dalla Piccola, der sich in Simoninis Tagebuch einmischt. (Simonini fragt sich, ob er vielleicht eine gespaltene Persönlichkeit hat und mit Dalla Piccola identisch ist, da dieser offenbar Zugang zu seiner Wohnung hat, aber von Simonini dort nie angetroffen wird.) Und weil das Duo Simonini/Dalla Piccola manchmal ein wenig verwirrt scheint und entsprechend schreibt, gibt es noch den Erzähler (Grüezi, Herr Eco!), der die unlesbaren Passagen der Tagebücher inhaltlich zusammenfasst. Das wäre sicher auch einfacher und leserfreundlicher gegangen, zumal es ja sonst noch genug zu denken gibt.

Man kann das Buch (wie alle Romane von Eco) zudem als überladen empfinden. Wenn man da jeder Andeutung und jedem Hinweis nachgehen würde, könnte man sicher die Lesezeit mehrerer Monate investieren und wäre noch nicht am Ende. Ich habe keine Ahnung, ob Eco das jeweils macht, weil er es kann und es ihm Spass macht oder ob er damit aller Welt demonstrieren will, wie gebildet er ist. Im Zweifel für den Autoren gehe ich mal von Ersterem aus, aber letztlich kann es mir egal sein, da ich nicht den Ehrgeiz habe, ihm auch nur ansatzweise in die von ihm geliebten Gefilde der Geheimbünde, Verschwörer und Drahtzieher im Hintergrund zu folgen.

Fazit:
Ein unterhaltsames Buch, das viel mehr sein möchte (oder ist) als nur die Lebensbeichte eines begnadeten Fälschers, aber eben auch so funktioniert.